Salzabwasser: K+S setzt sich von Pipeline
ab - Runder Tisch verschiebt Empfehlung
Kassel. Einen Kompromiss
gab es gestern nicht, der Streit um das Salz in der Werra geht
weiter. Nach gut sechsstündiger Diskussion hat sich der
runde Tisch zur Werraversalzung vertagt. Anfang Februar will
die Runde aus Politik, Wirtschaft, Kommunen und Verbänden
mit Vertretern aus fünf Bundesländern einen neuen
Anlauf zu einer Abschlussempfehlung versuchen.
Seit Tagen hatte es sich angekündigt, dass ein Beschluss
"Pipeline zur Nordsee" zwar eine breite Mehrheit am
runden Tisch finden würde. Aber wohl keine Zustimmung des
Kasseler Kalikonzerns K+S, und außerdem Gegenstimmen aus
Niedersachsen.
Die Laugenröhre soll alle Kaliabwässer aus den K+S-Werken
an Werra und Fulda und von den riesigen Abraumhalden spätestens
2020 an Werra und Weser vorbeischleusen - findet der runde Tisch
nach anderthalb Jahren Arbeit. Dagegen steht das K+S-Konzept
der Neuen Integrierten Salzabwassersteuerung (NIS): Die soll
die Kaliabwasser-Mengen zwar halbieren, soll langfristig auch
Flüsse und unterirdische Versenkräume entlasten. Aufgeben
will K+S beide Entsorgungswege aber nicht. Und Entlastung für
Werra und Weser heißt in erster Linie: stärkere Verdünnung
der Lauge im Fluss, aber kein Einleitungsstopp. Zudem kostet
die NIS laut K+S nur den Bruchteil einer Pipeline.
Prof. Hans Brinckmann, Leiter des runden Tisches, gab seine
Enttäuschung gestern Abend offen zu: "Wir hatten erwartet,
dass unsere Bedenken Berücksichtigung finden. Stattdessen
ging die Entwicklung in die andere Richtung. Die im Sommer noch
in der Schwebe gehaltene Entscheidung zwischen NIS und Pipeline
ist nun für K+S offenbar entschieden." Das Unternehmen
wolle auf Dauer den unterirdischen Gesteinsspeicher nutzen "und
den Rest in die Werra leiten".
Die NIS soll jetzt für den runden Tisch von Experten abgeklopft
werden. Dass Hessen und Thüringen das weitere Ein- und
Auspumpen von Lauge in tiefe Gesteinsschichten "sehr kritisch"
sehen - möglicherweise als juristisch gar nicht zu genehmigen
- wurde gestern bestätigt. Wegen Gefährdung des Grundwassers
durch Lauge, die unkontrollierbar in den Buntsandstein aufsteigt,
stehen die Ampeln bei den Genehmigungsbehörden schon lange
auf Rot.
Bleiben Vorwürfe aus Niedersachsen, wo ein Laugenrohr in
die Nordsee auf Widerstand stößt: Der runde Tisch
habe sich zu wenig um moderne Verfahren gekümmert, die
Kaliabwässer in den Düngerfabriken gar nicht erst
entstehen lassen, heißt es da. "Die Fernleitung verschiebt
das Problem nur. Wir haben das Salz dann in der Wesermündung
und müssten die Folgen tragen", sagte Almut Kottwitz,
Abteilungsleiterin im Umweltministerium in Hannover.
Hintergrund: Heftige Kritik an rundem Tisch
und K+S
"Niedersachsens Interessen werden weiterhin
nicht ernst genommen. (...) Die jetzt vorgestellte Gesamtstrategie
von
K + S heißt Wolkenkuckucksheim ..."
Ronald Schminke, SPD-MdL Niedersachsen
"Alter Wein in neuen Schläuchen
und keine Zukunftslösung zur ökologischen Verbesserung
des Flusses. Die NIS als vorrangiger Lösungsweg muss
wieder in der Schublade versenkt werden."
Christian Meyer, MdL der Grünen, Niedersachsen
"2010 wird K+S feststellen - eine Pipeline
ist nicht realisierbar, und die Behörden wieder einmal
auffordern, zum Zwecke der Erhaltung der Arbeitsplätze
die Versenkung weiter zu genehmigen."
Werner Hartung, Bürgermeister der Thüringer Werra-Gemeinde
Gerstungen, die um ihr Trinkwasser bangt.