| Sinntal-Altengronau,
28.4.2010. Seit nunmehr 9 Jahren untersucht die ARGE Sinntal
Gewässerökologie regelmäßig die Fischbestände
in ihren Pachtgewässern, stets zum gleichen Zeitpunkt und
mit dem gleichen Elektrofischfanggerät, den gleichen E-Fischern
und in gleichen Referenzstrecken. So wird die Vergleichbarkeit
der Ergebnisse gewährleistet und eine Bewertung des Erfolgs
der vielfältigen Wiederansiedlungs- und Stützungsprojekte
in der Sinn möglich. Erstmals in diesem Jahr hatten Alfred
Schmidt (Bad Orb) und seine Mitstreiter von der ARGE aber am
Ufer der Sinn in Altengronau (Gemeinde Sinntal) einen Informationsstand
mit einem großen, gut belüfteten Aquariumsbecken
und vielfältigem Informationsmaterial aufgebaut. Von jeder
bei der Bestandsaufnahme gefangenen Fischart wurden zu Anfang
der Befischung ein bis zwei Vertreter in das Becken gesetzt,
ebenso ein in den Kescher gegangener großer Krebs - leider
nur ein amerikanischer Signalkrebs. Gedacht war das eigentlich
in erster Linie für die geladenen Vertreter der Kommune
und des Landkreises. Es sprach sich jedoch durch zufällige
Passanten schnell bei der Bevölkerung herum, dass es hier
erstmals ein "Fenster" zum Blick in die Geheimnisse
"ihrer" Sinn gab - die Fischbestandsaufnahme geriet
damit zu einem fröhlichen, improvisierten kleinen Volksfest,
besonders für die Dorfjugend. Von Seiten der Erwachsenen
war zu hören, dass man sich eine Vorab- Bekanntmachung
im Ort gewünscht hätte, damit viel mehr Menschen dieses
Erlebnis hätten teilen können. Dies ist von Alfred
Schmidt für das nächste Jahr ebenso zugesagt, wie
eine "fischige" Fortsetzung seines Wasser- Entdeckungsangebotes
für Schulklassen aus Sinntal, das bisher immer auf das
krabbelnde und schwimmende Kleingetier der Sinn ausgerichtet
war, und ein ähnliches Projekt für den neuen Kindergarten
der Gemeinde. Die geladenen Gäste aus der Gemeinde- und
Kreisverwaltung, u. a. Herr Carsten Ullrich, Bürgermeister
der Gemeinde Sinntal, sein Amtsleiter Günther Kohlhepp,
Herr Helmut Bluhm, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde
des Main-Kinzig-Kreises, und mehrere Mitarbeiter der Gemeinde,
des Kreises und von Hessen Forst, und die Presse zeigten sich
ebenfalls beeindruckt von der Vielfalt des erstmals so hautnah
erlebbaren Lebens unter der Wasseroberfläche der allen
so vertrauten Sinn.
Leider erhielt die freudige Stimmung einen kräftigen
Dämpfer, als die Ergebnisse der Befischung durch Fischwirtschaftsmeister
Lothar Keidel vom Biosphärenreservat Rhön feststanden
und mit der ausliegenden Tabelle der Ergebnisse seit 2002
verglichen wurden: Bei fast allen Arten mussten starke Rückgänge
festgestellt werden. Am dramatischsten war dies bei der Äsche,
die von 430 (2005) über 225 (2008) bzw. 107 (2009) auf
gerade noch 36 Exemplare zurückgegangen war, aber auch
andere Arten waren schwer betroffen: Barbe von 74 (2009) auf
22, Rotauge von 111 (2009) auf 24, Hasel von 24 auf 3, und
selbst der robuste und scheue Döbel ging von 226 (2007)
über 133 (2009) auf 75 Exemplare zurück. Für
einen traurigen Ausklang sorgte auch noch die im Aquarium
und bei der Befischung selbst für alle sichtbare Tatsache,
dass fast nur noch Fische über 35 cm Länge im Wasser
und rund 80% der Überlebenden von Schnabelhieben gezeichnet
bis schwer verletzt waren. Damit war auch für jeden der
Schuldige am Fischsterben klar zu erkennen: Es war eindeutig
der Kormoran, der hier mittlerweile zum dritten Mal die Fischbestände
an den Rand des Erlöschens gebracht hatte. "Erschüttert"
zeigte sich der UNB-Leiter Bluhm über das Schreckensbild,
und auch dem jungen Bürgermeister war die Betroffenheit
anzusehen. Alle waren sich einig, dass ohne die von der ARGE
möglich gemachte persönliche Anschauung die Debatte
um den Einfluss des Vogels auf die Fischbestände nicht
sachgerecht geführt werden kann.
R. Hennings
Zum
Hintergrund:
Sinn und Schmale Sinn sind überwiegend bayrische
Gewässer. Sie verlaufen über nur wenige Kilometer
im Hessischen Spessart, gehören von den Voraussetzungen
her aber zum Besten, das Hessen zu bieten hat: Gewässergüteklasse
1,5 und besser, Strukturgüteklassen weit überdurchschnittlich,
große Teile sind absolut naturbelassen, Eisvogel
und Biber haben dort ihr Zuhause, und selbst die Durchgängigkeit
ist nach etlichen Wehrumbauten in Bayern und dem Bau eines
Umgehungsgerinnes im hessischen Altengronau im vorigen
Jahr wieder hergestellt. Bei dieser hervorragenden Ausgangslage
waren Mitte der 90er Jahre beidseits der Grenzen noch
sehr gute Bestände von Äsche und Bachforelle
vorhanden. Der Lachs war, wie sonst überall, auch
in der Sinn ausgestorben. Daneben fehlten oder kümmerten
damals aber auch noch andere Flussfische und Kleinfischarten:
Barbe, Nase, Quappe, Elritze, Groppe und Gründling
waren früher in der Sinn zahlreich vorhanden. Fehler
der Vergangenheit, insbesondere der Aufstau an vielen
Standorten, in Bezug auf die Kleinfische aber auch ein
überhöhter Aalbesatz vor allem in Bayern, hatten
zu ihrem Verschwinden beigetragen. Schon bald nachdem
sie die Pacht an den Strecken übernahmen, beschlossen
Alfred Schmidt und seine Mitstreiter von der ARGE Sinntal
Gewässerökologie, dies zu ändern. Sie starteten
ein Wiederansiedlungsprogramm für die Flussfische
und förderten die Kleinfische durch verstärkte
Aalentnahme. Diese Programme verliefen, nach einigem Lehrgeld
(aus eigener Tasche der ARGE !), zunächst sehr erfolgreich,
insbesondere das überregional in Fischerei- und Naturschutzkreisen
beachtete Pilotprojekt "Künstliche Äschenvermehrung"
aus eigenen Elternfischen. Die massiven Kormoraneinflüge,
insbesondere in Kältewintern, zuletzt Februar/März
2009 und Januar bis März 2010, haben den Erfolg dieser
Bemühungen nun schon mehrmals zunichte gemacht. Verstärkt
wird der Zuflug der Kormorane seit 2009 noch dadurch,
dass in den angrenzenden bayrischen Gewässerbereichen
nahezu unbeschränkt geschossen werden darf. Ein großer
Teil des hessischen Sinngrundes ist Naturschutzgebiet,
die umgebenden Landschaftsteile sind überwiegend
Ortsbereiche. Daher wurde 2002, erstmals in einem NSG
in Hessen, eine Erlaubnis zum Abschuss geringer Kormoranzahlen
in einem engen zeitlichen Rahmen erteilt. Mehrfach kamen
die Kormorane jedoch gerade im März, als schon nicht
mehr geschossen durfte. Die in normalen Wintern sehr erfolgreiche
letale Vergrämung konnte 2009 wie 2010 deshalb nicht
wirksam werden. Die ARGE hat deshalb einen Antrag auf
Erweiterung der Abschussmöglichkeiten im NSG (woanders
geht es nicht, wegen Siedlungsbereichen) gestellt. Mit
einer Aufhebung der zahlenmäßigen Beschränkung,
einer Erweiterung des Zeitrahmens bis April, und flankierenden
nicht-tödlichen Maßnahmen auch im NSG soll
die Vergrämung wieder erfolgreich umgesetzt werden.
Eine Entscheidung der Oberen Naturschutzbehörde beim
RP Darmstadt über den Antrag steht noch aus. |
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