Naturschutz
 
 

Erfassung der Flusskrebse in Hessen

 
Mithilfe der Vereine dringend erbeten
 
"Fische im Sinne des Gesetzes" - diesen Ausdruck haben fast alle von uns schon einmal gehört. Gemeint sind damit all diejenigen Wassertiere, die zwar biologisch gesehen keine Fische, aber trotzdem dem Schutz des Fischereigesetzes, und damit dem Schutz der Fischerei, unterstellt sind: Neunaugen, Muscheln und Krebse. Diese Tiergruppen unterliegen in Hessen einer ganzjährigen Schonzeit und einem absoluten Fang verbot. Das liegt daran, dass selbst die früher sehr häufigen Muscheln und Flusskrebse heute stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind. Besonders die Muscheln, aber auch die Krebse litten sehr stark unter der Abwasserbelastung und den Ausbaumaßnahmen des 20. Jahrhunderts. Die beiden einheimischen Krebsarten, Edelkrebs und Steinkrebs, waren seit Ende des 19. Jahrhunderts hauptsächlich auch durch die mit amerikanischen Flusskrebsen (Kamberkrebsen) eingeschleppte Krebspest dezimiert worden.

Der Edelkrebs, der früher einmal alle Fließgewässer von der Äschenregion abwärts bis zu den Mündungsgebieten an der Küste, die meisten Wiesen-und Entwässerungsgräben, sowie viele Stillgewässer in dichten Beständen besiedelte, war Ende der 80er Jahres auf ganz wenige Vorkommen in Mittel-und Nordhessen, die noch dazu untypisch weit oben im Gewässersystem lagen, reduziert. Der Steinkrebs galt in Hessen bis 2004 sogar als ausgestorben. Aufgrund der seltenen Vorkommen wurden Krebse (und Muscheln) nur von sehr wenigen Spezialisten überhaupt wahrgenommen und von noch weniger Biologen wissenschaftlich
bearbeitet. Die Muscheln, vor allem die Flussperlmuschel, wurden schon in den 80er Jahren von Biologen aus den Reihen des Vogelschutzes "entdeckt" und werden bis heute überwiegend von fischereifremden Wissenschaftlern bearbeitet - das Aussterben der Flussperlmuschel konnte trotz intensiven Schutzes so nicht verhindert werden. Ermutigender verläuft ein in den letzten Jahren unter Führung der IG Lahn durchgeführtes Projekt zur Rettung der Bachmuschel-Populationen im Vogelsberg.

Die Flusskrebse werden in Hessen eigentlich erst seit der Aufnahme beider heimischer Arten in den Anhang II der Europäischen FFH-Richtlinie im Jahre 2005 erfasst. Die Bearbeitung beschränkt sich jedoch weit gehend auf Bestandsaufnahmen in FFH-Gebieten, also nur auf einen kleinen Teil der Fließgewässer. Dennoch stellt sich heute die Situation der Flusskrebse in Hessen dadurch etwas besser dar als noch Ende der neunziger Jahre, insbesondere beim Steinkrebs. Davon wurden, überwiegend durch Hinweise aus der Fischerei, mittlerweile rund 20 isolierte Populationen im Odenwald und im Taunus festgestellt. Diese Restbestände haben höchsten naturschutzfachlichen Wert und sind entsprechend "begehrt" unter
beruflichen, amtlichen und ehrenamtlichen Naturschützern.

Es kommt nun darauf an, den Schutz und die Entwicklung dieser Bestände dort anzusiedeln, wo nicht nur der Sachverstand, sondern auch die praktische Erfahrung und der Zugang zu den Gewässern liegen: in den Reihen der Fischerei. Der Verband Hessischer Fischer hat deshalb mit dem hessischen Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz (HMULRV) einen Kooperationsvertrag zur Erfassung und zum Schutz vor allem der Flusskrebse, aber auch der Muscheln, in hessischen Gewässern geschlossen.
Als erster Schritt wird ab Sommer 2010 eine flächendeckende Bestandsaufnahme der Flusskrebse und Muscheln erfolgen. Hierzu benötigt der Verband Hessischer Fischer die Mithilfe seiner Mitgliedsvereine. Diese werden Ende April/Anfang Mai vom Verband einen Fragebogen zum Vorkommen von heimischen oder eingeschleppten amerikanischen Flusskrebsen in den vom jeweiligen Verein bewirtschafteten Gewässern zugeschickt bekommen. Den Fragebogen durften wir mit freundlicher Genehmigung des "Edelkrebs-Projekt Nord Rhein-Westfalen", Dr. Harald Groß, für Hessen übernehmen und entsprechend anpassen, ebenso den in NRW entwickelten, hervorragenden Bestimmungsschlüssel für einheimische und eingeführte amerikanische Flusskrebse. Beide Materialien werden den Vereinen als Ausdruck zur Verfügung gestellt, sie werden jedoch auch ab Anfang Mai auf der Internet-Seite des Verbandes Hessischer Fischer als Download verfügbar sein (www.hessenfischer.net). Der Fragebogen und der Bestimmungsschlüssels sind weit gehend selbsterklärend, es werden jedoch auch einfach gehaltene Erläuterungen auf einem Begleitblatt dazu gegeben. Im Mai werden auch Lehrgänge zur Erkennung von Krebsvorkommen und zur Artbestimmung angeboten, jeweils in den Regionen Süd, Mitte und Nord. Die beste Zeit für Untersuchungen zum Vorkommen von Krebsen sind die Monate Juni bis September.
Es kommt nicht unbedingt darauf an, nur die seltenen einheimischen Krebse nachzuweisen. Mindestens genauso interessant sind Meldungen über Vorkommen eingeführter amerikanischer Krebse, insbesondere des Signalkrebses und des Kamberkrebses. Es wird auch nicht unbedingt eine sichere Artbestimmung erwartet, wer sich damit überfordert fühlt, hat auf dem Fragebogen stets die Möglichkeit einfach nur anzukreuzen " keine Krebse vorhanden" oder "Krebse vorhanden" beziehungsweise "keine Muscheln vorhanden" oder "Muscheln vorhanden". Im letzteren Fall können dann Spezialisten des Verbandes kostenlos für den Verein die genaue Artbestimmung vornehmen. Auch der Verdacht eines Vorkommens von Krebsen ist einer Meldung wert, auch Verdachtsmeldungen können durch verbandseigenes Personal überprüft werden. Wichtig: Wenn tatsächlich ein Bestand der seltenen heimischen Arten vorhanden ist, folgt daraus keinesfalls die Ausweisung von Schutzgebieten gegen den Willen des Gewässerbewirtschafters. Schließlich ist das Vorkommen in der Regel nicht trotz, sondern gerade wegen der fischereilichen Bewirtschaftung erhalten geblieben!
Wir bitten die Vereine dabei um umfassende und rückhaltlose Unterstützung: Es ist sehr wichtig, dass diese Daten von der Fischerei und nicht von anderen Agenturen erhoben und verwaltet werden. Entscheidend ist, dass wir Angler selbst den besten Überblick über die Restvorkommen der heimischen Flusskrebse und über ihre Bedrohung durch die zunehmende Verbreitung der eingeschleppten amerikanischen Krebsarten haben. In der naturschutzfachlichen Debatte kommt dann keiner mehr an uns vorbei. Die Vorgänge um die Muscheln in den neunziger Jahren sind uns hier eine Lehre. In diesem Sinne bitten wir Sie alle um Ihre Mithilfe.

Rainer Hennings
Vizepräsident und Referent für Naturschutz

Fotos: R. Hennings